Fragmente aus „Das abbe Bein“

Man sollte es nicht zu ernst nehmen! Wie viele Gliedmaßen auf der Welt haben schon ihren rechtmäßigen Ort verloren… aber wenn man selbst betroffen ist, dann verliert man mit dem Bein seinen Platz in der Welt… wird hinaus katapultiert aus jeder Normalität.

HaWe hatte kein Bein verloren. Seine Standhaftigkeit im Leben hatte schon immer Schwächen gehabt. Das hatte begonnen mit dieser schauderhaften Empfindlichkeit: kratzende Stoffe, quälende Geräusche, beißende Gerüche und Menschen, die einem die Lust zum Atmen nahmen … geschlagen mit Nerven, die ständig überreizt waren, verkrampften Muskeln, zusammengepresste Zähnen …

Schuld waren wohl die ständigen Angriffe in seiner Kindheit, die Überfälle mitten im Zimmer, das hastige Gepackt– und Versteckt– werden, das zitternde Kauern im Versteck, das verzweifelte Warten, bis alles vorbei und friedlich sein würde ….

Die Welt um sich herum nahm er nur mit einem inneren Stocken und Stottern wahr: Die Alte mit der Augenklappe aus der Wohnung nebenan, die Männer mit den verdreckten Arbeitshosen und der Ausdünstung nach verschütteten Bier … die Kinder, die zum Spielen kamen, hatten dicke Backen und klebrige Finger, sie schrien mit schrillen Stimmen und hatten die blanke Bosheit im Auge, wenn sie seine Spielsachen zerstörten.

Überdruss

In den Heizungsrohren rauscht Wasser. Ihn fror. Das Bier hatte er zu kalt getrunken. In seinem Magen arbeitete es, steif hielt er den Kopf nach oben, um sich nicht zu erbrechen. Ruhig durchatmen, sagte er sich und spürte die Luft, die an der Innenseite der Nase vorbeistrich und die Nasenflügel wund werden ließ, am Gaumen auftraf und den Rachen entzündete. Bei zusammengezogenen Brauen und gespitztem Mund fühlte er die Gesichtshaut von innen.

Weil die Sätze abbrechen, sagte er sich, spitz werden und sperrig, das Hirn zerstechen wie Stachel und Draht, stecken bleiben im Hals, quer und schmerzhaft wie Nadeln.

Im luftleeren Raum schwerelos sein, nirgendwo anrühren und von keinem Ding berührt, die ganze Neurochemie zerebral und sensorisch zum Schweigen gebracht.

Das blasse Kind

sitzt in einer Bergundtalbahn und hat zu allem Überfluss sehr dünne bleichblonde Haare. Obwohl sich die Wagen erst ganz langsam bewegen, klammert es sich bereits mit beiden Händen an der Haltestange fest. Sehr still sieht es vor sich hin, das Gesicht mit der spitzen Nase und dem schmalen Mund fast unbewegt. Die Fahrt wird schneller und das blasse Kind in die äußerste Ecke des Wagens gepresst. Die hohe Geschwindigkeit lässt das Kind nur noch mühsam zu Atem kommen. Für einen Augenblick gerät es in Panik, meint, aus dem Wagen geschleudert zu werden oder zu ersticken. Es schließt die Augen und weiß, dass das nun das Leben ist und man es genießen muss. Die Fahrt ist kaum zu ende, da streckt das Kind dem Aufpasser einen weiteren Fahrcoupon entgegen – und wird übersehen.

Die Redegewandtheit des Träumers

Hat das Hirn erst mit der Produktion von Nebel begonnen, kommen die Schwaden von selbst. Und das hervorquellende Auge findet sich nur noch vor dem Spiegel zurecht.
Er lehnte sich in seinem Bürostuhl zurück, dachte: Der Kontakt zur Wirklichkeit stellt sich am leichtesten durch Aggression her. Man hakt sich da ein, drängt sich ins Spiel. Oder man lässt es sein und starrt ins Leere.
Sprache, sagte er sich, ist ein Mittel maßvoller Wirklichkeitsvorenthaltung. Wer es damit übertreibt, findet nur noch zu Worthülsen oder verstummt, wenn er Glück hat: wortreich.